Eisenzeitliche Kultstätte auf dem Spielleitenköpfl bei Farchant

Grabung
Bei der Grabung am Spielleitenköpfl

Das 800 m hohe Spielleitenköpfl ist eine 150 m über dem Talboden liegende Kuppe des niedrigen Höhenzuges, der das Loisachtal im Westen begleitet. Als archäologische Fundstätte wurde der Platz im Herbst 1993 entdeckt, als ein Spaziergänger verbrannte Tierknochen, Keramikbruch sowie Bronze- und Eisenstücke der jüngeren Hallstattzeit (6. Jhd. v. Chr.) auflas. Seit 1994 untersucht das Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (Prof. Dr. Amei Lang) den Fundplatz archäologisch.

 

Warum wurde am Spielleitenköpfl überhaupt mit den Grabungen angefangen?


Das Loisachtal ist Teil einer seit alters her verkehrsgeographisch wichtigen Route, die vom Alpenvorland über den Seefelder Sattel ins Inntal und damit über den Brenner oder über den Fern- und Reschenpaß ins Vinschgau nach Italien führt. Für das Alpenvorland war diese Verbindung zum Inntal mit seinen reichen Kupfererzvorkommen wichtig, seitdem sich die Kenntnis der Bronzemetallurgie am Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. ausgebreitet hatte und das zivilisatorische Niveau u. a. auch von der Versorgung mit dem  Rohstoff Kupfererz abhing.


Weil unter den ersten Funden vom Spielleitenköpfl auch Reste von Bronzeverarbeitung waren, schien es lohnend, die Frage nach der Herkunft des Rohstoffs zu stellen und gegebenenfalls das Loisachtal als wichtige Transitstrecke auch nachzuweisen.

Zur Grabung führte ferner die  Tatsache, dass das Loisachtal archäologisch gesehen in der Hallstattzeit (6. Jhd. v. Chr.) bislang ein weißer Fleck war. Die Frage war, wohin die Menschen damals eigentlich kulturell gehörten – zur Hallstattgruppe im Alpenvorland oder der im Inntal. Damit verknüpft ist letztlich die Frage, ob sie zum inneralpinen Volksstamm der Räter zu zählen sind oder zu den Kelten im Alpenvorland.


Die Tatsache, dass unter den ersten Funden verbrannte Tierknochen waren führte zusammen mit der topographischen Lage des Fundplatzes auf einer isoliert liegenden Kuppe zur Überlegung, dass dort eine Kultstätte, ein sogenannter Brandopferplatz, gelegen haben könnte. Einen modern untersuchten Brandopferplatz gibt es in Bayern nicht; daher schien eine Ausgrabung lohnend, um Erkenntnisse zum religiösen Leben der jüngeren Hallstattzeit zu gewinnen.

Was ist ein Brandopferplatz?

Brandopferplätze sind Kultstätten im Alpenraum, die es seit der frühen Bronzezeit (etwa 19. Jhd. v. Chr.) gibt. Dort sind Haustiere (Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine) als Brandopfer dargebracht worden, dazu dann auch weitere Opfergaben, zunächst Nahrungsmittel, seit dem 6. Jhd. v. Chr. auch unverbrannte Gaben aus dem Alltagsleben wie Kleidungszubehör, Schmuck, Geräte, Werkzeug und sonstiges. Brandopferplätze gibt es bis in provinzialrömische Zeit (2. Jahrh. n. Chr.); dann hat man diese Form von Kultausübung aufgegeben.


Empfänger der Gaben waren, ganz allgemein gesagt‚ Gottheiten oder höhere Mächte ("Numina").


Brandopferplätze sind unterschiedlich ausgeprägt, es gibt große mit jahrhundertelanger Kulttradition und einem großen Einzugsbereich, daneben auch kleine als Kultmittelpunkt einer kleinen Gemeinschaft; letzteres trifft auf unsere Kultstätte zu.

Der Brandopferplatz auf dem Spielleitenkopf ist als Folge von Erosion der Kuppe nicht vollständig erhalten. Ein zentraler Bestandteil, das Kultgebäude, konnte aber noch archäologisch untersucht werden.


Um 640-625 v. Chr. ist um den höchsten Punkt des Spielleitenkopfes herum ein nahezu quadratisches, 9,7 qm großes Gebäude errichtet worden. Es hatte ein Steinfundament, dem ein Holzrahmen auflag, der Wände mit lehmausgefüllten Gefachen trug. Die Wände des Gebäudes waren innen weiß verputzt. Über die Dachkonstruktion lässt sich nichts sagen. Das Gebäude hatte keinen Fußboden; der anstehende Fels mit Eintiefungen bildete den Grund des Hauses. Um 520-500 v. Chr. wurde das Gebäude in gleicher Bauweise erneuert, mit knapp 12 qm etwas größer und nach Westen verschoben. Um 450 v. Chr. wurde die gesamte Anlage abgerissen, mit dem Abbruchschutt verfüllt und mit Steinen überdeckt.


Das Gebäude hatte eine Funktion als sog. Schatzhaus, wie man es auch von anderen Brandopferplätzen kennt. In den Felseintiefungen im Inneren sind im Verlauf des Rituals die Opfergaben deponiert worden.


Zu den Funden gehören unter anderem verbrannte Knochen als Überreste der Tieropfer, unverbrannte als Überbleibsel der Mahlzeiten, Kleidungszubehör, Reste von Bronze- und Eisenverarbeitung, Geräte und Werkzeug, Waffen, Wagenteile und Bronzegefäßteile. Sämtliche Funde sind dem männlichen Lebensbereich zuzuordnen; es gibt nichts, was eindeutig einer Frau gehörte. Man kann daraus schließen, dass der Brandopferplatz Männern, und zwar Metallwerkern, Bronzegießern und Eisenschmieden, zur Kultausübung vorbehalten war.


Weitere Funde aus dem Gebäudeinneren sind zahlreiche Scherben von Ess- und Trinkgeschirr. Es sind Überreste von kultischen Mahlzeiten zu Ehren der höheren Mächte. Das Geschirr ist rituell zerschlagen worden. Vielleicht hat sich im Brauch des Geschirrzerschlagens am Vorabend einer Hochzeit ein Rest der Vorstellung bewahrt, dass damit höhere Mächte günstig gestimmt werden. Nachdem sich das Christentum durchgesetzt hatte, wandelte sich die ursprüngliche Bedeutung ganz allgemein in „Scherben bringen Glück“.

Die Kultstätte war sicher nicht der einzige Platz menschlicher Aktivität im Loisachtal um Farchant. Es muss noch erforscht werden, wo Dorf und Friedhof der Gemeinschaft gelegen haben könnte, die auf dem Spielleitenköpfl opferte.

Die Grabungsstätte ist für Besucher nicht zugänglich!


Quellen:
LANG, Amei (1995): Die eisenzeitliche Kultstätte (6. Jahrh. v. Chr.) auf dem Spielleitenköpfl bei Farchant. S. 4 - 12. In: forcheida, Beiträge des Farchanter Heimatvereins, Heft 4.


LANG, Amei (1996): Die Kultstätte auf dem Spielleitenköpfl. Ausgrabungen 1995 und künftige Forschungen. S. 20 - 41. In: forcheida, Beiträge des Farchanter Heimatvereins, Heft 5.

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